Wie gelingt der Neustart im Job trotz Krise?

Ein Gastbeitrag von Mathias Minsel

Jede Krise birgt in der Regel auch ihre Chancen. Fortschreitende Digitalisierung, Arbeit von daheim, Zeit zum Lernen und neue online Lernformate sowie digitale Netzwerkveranstaltungen sind nur einige der neuen Trends und Möglichkeiten, die jetzt auf dem Vormarsch sind. Dieser Artikel unterstützt Sie, diese Chancen zu sehen und zeigt Ihnen mögliche Wege zu Ihrem Neustart im Job…

Wie gelingt der Neustart im Job trotz Krise?

Wie ist mein Status Quo?

Wenn Sie einen Neustart im Job planen, sollten Sie erstmal Ihren Startpunkt bestimmen. Am besten Sie beschreiben Ihre Ist-Situation schriftlich. Das hilft Ihnen Klarheit zu gewinnen und die besten Entscheidungen zu treffen. Die zentralen Fragen dazu sind:

  • Sind Sie momentan arbeitslos oder wollen Ihren Job wechseln?
  • Wenn Sie ihren Job wechseln wollen, was stört Sie aktuell, welche Veränderung wünschen Sie sich?
  • Wieviel Zeit haben Sie für Ihren Neustart im Job?
  • Wie lange reichen Ihre finanziellen Reserven?

Nun haben Sie einen Startpunkt. Zwischen Ihnen und Ihrem erfolgreichen Neustart im Job steht vielleicht aber noch ein Widersacher: Ihre Angst.

Wie gehe ich mit meiner Angst um?

Wenn wir einen Neustart im Job planen oder ungeplant zu einem gezwungen werden, sind Unsicherheit und Angst oft ganz normale Gefühle. Ein Neustart im Job ist eine starke Lebensveränderung und allein schon biologisch bedingt reagieren wir mit Angst. Das Problem dabei: Angst ist kein guter Ratgeber. Der Neurobiologe Gerald Hüther weiß, Angst schränkt unser kreatives und analytisches Denken ein. Dadurch verringert sich unsere Fähigkeit den Neustart in unseren Traumjob zu meistern.

Um dieser Angst zu begegnen, gibt es verschiedene Ansätze. Folgende Methode ist eine starke Möglichkeit, mit der Sie Ihre Angst zähmen können:

Definieren Sie das absolute Worst-Case-Szenario.

Was ist das Schlimmste, was Ihnen passieren kann? Notieren Sie dies stichpunktartig. Beispielsweise:

  • Ich kann keine Miete mehr zahlen und werde aus der Wohnung geworfen.
  • Ich muss mein Auto verkaufen und bin nicht mehr mobil.

Suchen Sie Optionen.

Fragen Sie sich: Wie kann ich das Eintreten im Vorfeld verhindern? Wie kann ich mit dem Worst-Case umgehen, sollte es trotzdem eintreten? Beispiele:

  • Ich könnte meinen Vermieter vorab nach einer verzögerten Mietzahlung fragen. Sollte ich aus der Wohnung müssen, habe ich Freunde, bei denen ich kurzfristig auf der Couch schlafen kann.
  • Ich kann das Auto an jemanden vermieten und es dadurch vielleicht selbst ab und zu noch nutzen. Wenn ich keines mehr habe, kann ich Freunde fragen, ob ich ihr Auto leihen kann. Ich kann öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Ich kann mir einen Mietwagen nehmen.

Die Methode ist angelehnt an die „Fear Setting Exercise“ von Tim Ferris. Die Reflektion und das Aufschreiben helfen, Klarheit über die eigenen Ängste und Handlungsoptionen zu bekommen und dadurch wieder Mut und Handlungsfähigkeit zu gewinnen.

Welche Optionen habe ich?

Nachdem Sie Ihren Ängsten ins Gesicht gesehen haben, ist es wichtig, dass Sie sich klar darüber werden, welche Optionen Sie aktuell haben. Dabei kann es helfen, wenn Sie eine Liste mit Ideen oder eine Mindmap erstellen. Am besten schreiben Sie alle Ihre Wunschfirmen und Ihre Wunschjobs auf (unabhängig davon, ob diese Jobs aktuell ausgeschrieben sind). Diese Optionsliste ergänzen Sie im Verlauf ihrer Vorbereitungen mit konkreten Aufgaben.

In jeder Krise gibt es auch Branchen und Firmen, die aufgrund der Krise wachsen. Diese suchen vielleicht genau in diesem Moment Ihre Unterstützung.

In einer Krisensituation haben viele Unternehmen den Fokus eher auf Einsparungen als auf Rekrutierung gelegt. Deswegen sollten Sie insbesondere auch Initiativbewerbungen in Betracht ziehen. Zusammen mit einer klaren Darstellung Ihres Mehrwerts können diese gerade jetzt erfolgversprechend sein.

Vielleicht nutzen Sie die aktuelle Zeit und Krise auch einmal ganz neu über Ihren Job und Ihre berufliche Situation nachzudenken. Folgende Fragen und Anregungen können Sie dazu inspirieren:

  • Von welchen Berufen haben Sie als Kind geträumt? Was hat Ihnen in der Kindheit Freude bereitet, woran Sie heute gerne anknüpfen würden?
  • Welche Stärken haben Sie, die Sie beruflich noch intensiver einbringen wollen?
  • Welche Weiterbildungen haben Sie schon immer interessiert und vielleicht haben Sie jetzt die Zeit und die Chance, diese zu absolvieren?
  • Gibt es ganz andere Optionen statt eines klassischen Jobs, die Sie reizen?
Beispielsweise ein Sabbatical, ein freiwilliges soziales Jahr, Auswandern und im Ausland arbeiten oder der Start in die Selbstständigkeit.

Welche Chancen ergeben sich aktuell?

Folgende Anregungen können Ihre Options- und Aufgabenliste noch um ganz neue Punkte erweitern. Eine Veränderung durch die Corona Krise, die Sie als Chance nutzen können, bietet die massiv voranschreitende Digitalisierung. Viele Netzwerktreffen, Stammtische und Meetups haben sich ins Digitale verlagert. Dadurch können Sie sich heute sehr einfach mit Arbeitgebern und Kollegen in ganz Deutschland vernetzen.

Dies bietet Möglichkeiten, auf die Sie vielleicht vorher nie aufmerksam geworden wären. Wenn Sie in Ihrer Branche recherchieren, werden Sie vermutlich schnell feststellen, dass Sie an verschiedensten digitalen Veranstaltungen in ganz Deutschland teilnehmen können und somit die Chance haben, Ihr Netzwerk massiv zu erweitern. Eventbrite und Xing können ebenfalls gute Anlaufstellen für digitale Events sein.

Die Digitalisierung bietet noch eine weitere Chance. Viele Firmen mussten Ihre Mitarbeiter ins Home Office schicken und stehen dem heute offener gegenüber. Vielleicht bietet sich dadurch für Sie die Möglichkeit sich außerhalb ihres Einzugsgebiets zu bewerben und remote zu arbeiten?

Wie kann ich Unternehmen meinen Mehrwert aufzeigen?

Wenn Sie Ihrem Wunscharbeitgeber proaktiv einen Mehrwert aufzeigen können, wie das Unternehmen mit Ihnen als Mitarbeiter in der Krise einen Vorteil erhält, kann dies der entscheidende Baustein für Ihren erfolgreichen Neustart im Job sein. Machen Sie sich hierfür im Vorfeld Gedanken, wie Sie das Unternehmen in der aktuellen Situation unterstützen können. Beispiele hierzu:

  • Kann das Unternehmen seine Produktion verändern und damit einen Mehrwert für die Kunden schaffen und Sie helfen dabei? Viele Unternehmen haben beispielsweise Masken produziert statt andere Güter.
  • Gibt es ein Themenfeld, dass das Unternehmen digitalisieren kann und Sie unterstützen dabei?
  • Vielleicht ergibt sich auch ein ganz neuer Bedarf und Sie helfen diesen zu decken. Beispielsweise ist die Schulung von Lehrern im Umgang mit digitalen Lernformaten eine Herausforderung vor der viele Schulen ganz plötzlich stehen.

Ein Tool, welches Ihnen bei der Ideenfindung helfen kann, sind die Fragen aus dem „Business Model Canvas“. Die Fragen beschreiben zentrale Bereiche eines Unternehmens. Sie können sich gezielt überlegen, in welchem Bereich Sie eine positive Veränderung, bei Ihrem Wunscharbeitgeber, unterstützen wollen.

Die Fragen zum Business Model Canvas:

  • Wer sind die Schlüsselpartner Ihres Wunscharbeitgebers? Fallen Ihnen zusätzliche ein, die Ihr Wunscharbeitgeber bisher nicht nutzt? Können Sie guten Zugang zu bestimmten Schlüsselpartnern bieten?
  • Was sind die Schlüsselaktivitäten Ihres Wunscharbeitgebers? Kann hier etwas optimiert oder verschlankt werden? Bieten sich Vorteile durch eine mögliche Digitalisierung?
  • Was sind die Schlüsselressourcen Ihres Wunscharbeitgebers? Können diese verändert werden?
  • Welchen Kundennutzen bietet Ihr Wunscharbeitgeber? Wie kann dieser Kundennutzen verbessert oder ausgeweitet werden?
  • Wer sind die idealen Kunden Ihres Wunscharbeitgebers? Gibt es weitere Kundengruppen mit Potential?
  • Wie kommuniziert ihr Wunscharbeitgeber mit seinen Kunden? Wie kann diese Kommunikation verbessert werden?
  • Was sind die größten Kostenblöcke ihres Wunscharbeitgebers? Welche Möglichkeiten gibt es diese Kosten zu senken?
  • Was sind die größten Einnahmequellen Ihres Wunscharbeitgebers? Welche Möglichkeiten gibt es diese Einnahmequellen zu erhöhen?

Wenn Sie weitere Ideen suchen, können Sie auch ganz mutig sein und Ihre Wunscharbeitgeber proaktiv befragen. Recherchieren Sie (beispielsweise auf Xing oder Linkedin) den Abteilungsleiter in Ihrem Wunschunternehmen und rufen Sie dort an. Sagen Sie, dass Sie gerne in seinem Bereich arbeiten würden und deswegen herausfinden möchten, welche aktuell die größten Herausforderungen der Abteilung sind. Wenn Sie die Herausforderungen kennen, nutzen Sie Kreativitätstechniken, um Lösungsideen zu erarbeiten. In Ihrem Anschreiben verweisen Sie auf das Telefonat und vermitteln Ihre Lösungsansätze.

Auch auf digitalen Netzwerkveranstaltungen können Sie gut aktuelle Herausforderungen Ihrer Wunscharbeitgeber erfragen. Vielleicht diskutiert man sogar schon über gemeinsame Lösungsansätze.

Welche Vorgehensweisen haben die stärkste Hebelwirkung?

Wahrscheinlich haben Sie nun viele unterschiedliche Optionen, wie Sie Ihren Neustart im Job beginnen können. Folgende Möglichkeiten haben eine starke Hebelwirkung:

Nutzen Sie Netzwerke.

Granovetter hat bereits 1974 in seinen Studien zu „Getting a Job. A Study of Contacts and Careers“ herausgefunden, dass circa zwei Drittel aller Jobs über Netzwerke vergeben werden. Folgendermaßen können Sie Ihre Netzwerke nutzen:

  • Benachrichtigen Sie Ihre Freunde und Bekannte, dass Sie einen Neustart im Job planen. Oft ergeben sich schon aus diesen Verbindungen neue Chancen.
  • Prüfen Sie, wer die bekanntesten und am besten vernetzten Experten aus Ihrem Bereich sind. Vielleicht sind Sie ja bereits über Ecken oder auf digitalen Netzwerken mit diesen vernetzt. Sprechen Sie diese Menschen aktiv an und fragen Sie, wie Sie sie unterstützen können. Wenn Sie eine Verbindung mit diesen Menschen aufbauen, bauen Sie gleichzeitig eine Verbindung zum Netzwerk dieser Menschen auf. Wichtig dabei ist, dass Sie diesen Menschen wirklich einen Mehrwert bieten und dadurch eine Win-Win Kooperation schaffen.
  • Oftmals haben Netzwerkveranstaltungen auch digital etwas wie ein schwarzes Brett. Hinterlassen Sie dort eine Nachricht, dass Sie neue Herausforderungen suchen und Ihre Kontaktdaten.

Beschäftigen Sie sich mit Ihren Stärken.

Machen Sie sich klar, welche Stärken Sie (wahrscheinlich schon seit Jahren) einsetzen und wie Sie diese für eine zukunftssichere Position nutzen können. Grade, wenn Ihre Branche stark von Corona betroffen ist, ist dieser Ansatz erfolgsversprechend.

Ein Beispiel: Sie arbeiten in einem Reisebüro und Ihre Stärken sind das Recherchieren und Zusammenstellen maßgeschneiderter Reiseangebote für Ihre Kunden. Dazu können Sie noch sehr gut mit Ihren Kunden umgehen und bekommen aus Ihrem Kundenkontakt immer wieder positive Rückmeldungen. Jetzt können Sie überlegen in welchem zukunftsfähigen Bereich es Recherchefähigkeit und guten Kundenkontakt noch braucht. Dies könnte beispielsweise in der Marktforschung sein. Viele Nutzergewohnheiten ändern sich aktuell, zusätzlich beschleunigt durch die Situation mit Corona. Daher gibt es in der Marktforschung auch viel zu recherchieren und passende Marktforschungsergebnisse den Kunden mit einer guten Kommunikation zu vermitteln.

Sobald Sie die ersten Ideen oder Stellenausschreibungen haben, die Sie weiterverfolgen wollen, ist der Fokus auf die vielversprechendsten Positionen sehr wichtig. Statt durchschnittliche Bewerbungen an viele ausgeschriebene Stellen zu versenden, sollten Sie Bewerbungen so passgenau wie möglich an die drei bis fünf Stellen senden, die Ihnen am vielversprechendsten Erscheinen. Ein paar Tipps hierzu:

  • Bereiten Sie sich durch Recherche vorab sehr gut vor.
  • Erstellen Sie ein individuelles Anschreiben für jeden Arbeitgeber.
  • Ihr Lebenslauf ist für jede einzelne angestrebte Stellen optimiert. Dies ist wichtig da Lebensläufe heute oftmals durch Computer beim Fehlen bestimmter Stichwörter aussortiert werden.
  • Sie nehmen zusätzlich zur schriftlichen Bewerbung auch telefonisch Kontakt zum gewünschten Unternehmen auf und verweisen im Anschreiben direkt auf Ihren Ansprechpartner.

Wenn Ihre Bewerbung passgenau auf die gewünschte Stelle optimiert, ist erhöhen Sie damit stark die Wahrscheinlichkeit eingeladen zu werden und sind somit einen entscheidenden Schritt weiter auf Ihrem Weg zum Neustart im Job.

Über den Autor
Mathias Minsel ist Gründer und Wegbegleiter auf neustartimjob.de. Der studierte Wirtschaftspsychologe unterstützt Menschen, genau den Job zu finden, der ihnen morgens Energie und Motivation gibt und sie abends glücklich einschlafen lässt.

[Bildnachweis: Shirstok by Shutterstock.com]
11. August 2020 Gastautor Artikel Icon Autor: Gastautor

Dieser Artikel wurde von der Redaktion lediglich bearbeitet und minimal redigiert, um ihm dem Redaktionssystem anzupassen. Verantwortlich für den Inhalt und die Richtigkeit der darin gemachten Aussagen und Links ist allein der/die genannte (Gast)Autor(in).

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